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Eine Weihnachtserzählung / Von Delia Evers

Herbergssuche


Christi GeburtEr saß wie immer im Lehnsessel, als es klingelte. Der Mann stand auf. Das Leder räusperte sich wie seine alten Knochen. Er schob die Füße in die Puschen und öffnete die Tür.

Ein Mädchen stand an der Schwelle.

„Ich brauche nichts!“, blaffte er leise.

„Schieb’ deinen Fuß in die Tür“, flüsterte die Schwelle dem Mädchen zu. Es schob behutsam einen Fuß nach vorn.

Das Mädchen war 13 Jahre alt und hatte ein seltsames Gesicht, Sommersprossen im Winter und sehr feines Haar mit der Farbe von Milchkaffee. Von hinten schien tief die Wintersonne durch, und die Milchkaffeehaare wurden golden.
 
„Ich suche jemanden. Ich möchte ihm helfen. Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich brauche nichts!“, blaffte er wieder und schob die Tür gegen den Fuß. Er mochte sie nicht schließen. Die Schwelle schien ihm höher als sonst. Das Mädchen zog den Fuß nicht zurück.

„Es ist eine Art Herbergssuche“, sagte das Mädchen, „nur umgekehrt.“

Er verstand kein Wort.

„Mancher hat längst eine Herberge gefunden und merkt nicht, dass er angekommen ist. Er darf andere einlassen.“

„So ein Quatsch!“, sagte er und schob mit der Tür ihren Fuß über die Schwelle. Die Tür kam kaum darüber weg.

„Sie erwarten niemanden?“

Er hörte ihre Stimme nur noch leise durch die Scheiben der Tür. Er blieb drinnen stehen und sah nach draußen. Sie stand noch immer da. Er sah die Sonne hinter ihrem Haar, der Kopf war jetzt dunkel. Sie bewegte sich nicht.

„Lächerlich!“, fluchte er und schob sich zum Sessel zurück.

„Kalter Knochen!“, ächzte der Sessel.


Tage vergingen. Der Mann saß im Lehnstuhl und guckte zur Tür. Es war ihm, als wenn eine Ankunft angekündigt wäre und auf sich warten ließe. Er hatte sich nie einsam gefühlt. Einsamkeit musste man abweisen wie einen lästigen Vertreter. Dann blieb sie weg.

Jetzt stand der Vertreter gleich neben ihm.

„Das Mädchen ist schuld!“, dachte er.

Er sah sich in der Wohnung um und hatte plötzlich Lust, frischen Tee zu kochen, ganz fein, mit vorgewärmter Kanne und dem hauchdünnen Porzellan und einer Kerze aus Honigwachs. Er deckte den Tisch. Und als er fertig war, erschrak er.

Er hatte für Zwei gedeckt.

Während er ratlos vor dem Tisch stand, wisperte die Schwelle:

„Besuch, Besuch!“

Es klingelte. Fast eilte der Mann zur Tür. Doch er sah durch die Scheiben nicht das Mädchen. Eine alte Frau stand davor. Er zögerte kurz, dann zog er die Tür einen Spalt weit auf.

Die alte Frau sah arm aus. Ihr Haar war grau. Die Sonne stand zu tief, „sonst würde das Haar glänzen wie Silber“, dachte er und wunderte sich ebenso über seine Worte wie die Schwelle.

„Der Herr wird poetisch“, dachte sie.

Die Frau streckte eine Hand aus. „Ob Sie etwas Kleingeld für mich haben?“

Der Mann sah sie unschlüssig an. Wieder hatte er das Gefühl, als wenn eine Ankunft angekündigt wäre. Ob das sein Besuch war? Und nicht das Mädchen?
Der Mann öffnete die Tür weit, die Frau sah hinein, und sie sah den Tisch und die Teegedecke.

„Sie erwarten jemanden?“, fragte die alte Frau.

Und er erinnerte sich an die Worte des Mädchens: „Sie erwarten niemanden?“

„Nein!“, sagte er zu der alten Frau, „vielleicht.“

Mit der Hand lud er die Frau ins Haus ein. Die Schwelle machte sich ganz flach, und während die Frau hinüberschritt, huschte der Vertreter hinaus.

Sie erzählten stundenlang.

Und der Mann schilderte, wie plötzlich das Mädchen vor der Tür gestanden hatte.
„Ich suche jemanden“, hatte es gesagt. „Ich möchte ihm helfen. Kann ich Ihnen helfen?“
Mit einem Mal hatte der Mann ein Würgen im Hals. „Ich brauche Hilfe“, sagte er zu der alten Frau. „Ich bin einsam.“

„Dann lassen Sie jemanden ein“, sagte sie.


Wieder waren Tage vergangen. Er hatte das Undenkbare ausgesprochen. Er war einsam. Der Sessel stand betreten da und ertrug den Mann ohne Spott. Die Schwelle blickte hilflos den Passanten nach.

Und plötzlich wisperte sie wieder:

„Besuch, Besuch!“

Es klingelte.

Fast eilte der Mann zur Tür. Durch die Scheiben erkannte er das Mädchen. Die Sonne war verdeckt. „Ich koche ihr Milchkaffee“, dachte er. Und sie sahen sich an.

Und plötzlich erinnerte er sich, was sie noch gesagt hatte:

„Mancher hat längst eine Herberge gefunden und merkt nicht, dass er angekommen ist. Er darf andere einlassen.“

Sie waren noch immer durch die Tür getrennt. Hinter den Sommersprossen sah er die Einsamkeit des Mädchens.

„Ich bin bei mir angekommen“, dachte er und öffnete die Tür.

Er lächelte.

„Ich habe dich erwartet.“

Als das Mädchen durch die Tür trat, summte die Schwelle.

Montag, 24. Dezember 2012

Zum Foto: Es handelt sich um ein Gemälde, das sich im Priesterhaus zu Kevelaer befindet und aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammt. Weder der Künstler, noch die Umstände, wie das im 17. Jahrhundert erbaute Priesterhaus - damals ein Oratorianer-Kloster - in Besitz des Gemäldes gekommen ist, sind bekannt.

© Martin Willing 2012, 2013